Boyz II Men wagen den Schritt zum Country: kluger Zug, wenn es kein Kostüm ist
Der Vertrag mit Warner Records Nashville passt zu einer Harmoniegruppe, die vom Liebeskummer lebt. Doch das Album für 2027 funktioniert nur, wenn es als Country geschrieben ist, nicht nur so verkleidet.
KI-generiertes Bild
Wenn eine etablierte R&B-Gruppe ein Country-Album ankündigt, greift der zynische Reflex zum Wort „Tourismus“. Das verstehen wir. Doch bei Boyz II Men lautet die interessantere Frage, warum das nicht schon früher geschehen ist.
Wir haben nur einen Vertrag und eine Jahreszahl, deshalb zählt das Argument umso mehr
Laut einer Exklusivmeldung in The Tennessean, die USA TODAY übernommen hat, hat das Trio aus Nathan Morris, Wanya Morris und Shawn Stockman bei Warner Records Nashville unterschrieben und wird 2027 sein erstes Country-Album veröffentlichen. Die Gruppe schrieb mit preisgekrönten Songwritern aus Nashville und sagt, sie wolle ihre Identität erweitern, nicht austauschen.
Der Bericht nennt weder Titel noch Singles oder Tracklist. Alles Weitere ist Einschätzung, und wir stellen klar: Das Folgende ist unsere.
Die Brücke stand schon
Country und R&B teilen seit jeher eine Tradition: den Song als Kurzgeschichte über Liebe, Verlust und Reue, vorgetragen von einer Stimme, die ihn tragen muss. Shawn Stockman sagte das 2019 gegenüber Billboard: Country sei „dieselbe Seele“, vorgetragen „mit derselben Absicht“. Man kann über seinen Scherz dazu die Augen verdrehen, aber der Kern stimmt. Eine Ballade wie „On Bended Knee“ würde problemlos in einen Songwriter-Raum in Nashville passen.
Die Gruppe kommt auch nicht aus dem Nichts. Sie trat 2018 in der Grand Ole Opry auf, sang 2019 mit Brett Young und teilte sich dieses Jahr beim Stagecoach eine Bühne mit Cody Johnson. Young sagt, die Musik von Boyz II Men habe seinen eigenen Sound beeinflusst. Wenn Country-Künstler einen als Vorfahren nennen, ist man kein Tourist, der ein Visum beantragt. Man ist ein Verwandter, der zu spät zum Familientreffen kommt.
Auch die geschäftliche Logik ist leicht zu lesen. Country ist ein Genre, das unserer Ansicht nach weiterhin Gesangshandwerk und einen guten Text belohnt und in dem das Publikum Veteranen eher akzeptiert. Wir meinen, dass ein Trio mit drei Jahrzehnten im Geschäft hier mehr zu gewinnen hat als in der nächsten Runde der R&B-Nostalgietouren.
Das Risiko ist das Kostüm, nicht das Genre
Hier werden wir skeptisch. Die Gefahr besteht nicht darin, dass Boyz II Men Country singen. Sie besteht darin, dass sie über Country singen: ein paar Steel-Gitarren, eine ländliche Metapher, eine Truckerkappe auf dem Cover. Harmoniegruppen können bei allem wunderschön klingen, und genau deshalb könnte eine lieblose Produktion das Album wie eine Tribute-Band klingen lassen.
Die Gruppe scheint sich dessen immerhin bewusst zu sein. Wanya Morris sagte: „Wir wollen nicht Country werden. Wir wollen ein Teil davon sein.“ Das ist der richtige Instinkt und die richtige Reihenfolge der Prioritäten. Die Harmonien sollten der Unterschied sein und nicht für ein Radioformat glattgeschliffen werden. Stockmans eigener Geschmack ist ein gutes Zeichen: Er lobte die Reduziertheit von Brett Youngs „Mercy“ und sagte, er möge „Songs mit Raum“. Raum ist dort, wo gut gemischte Stimmen am meisten ausrichten können.
Eine mildere Sorge haben wir noch. Stockman nannte Country „die letzte Grenze, wenn es um Integrität, Musikalität, echte Songwriter und echten Gesang geht“. Das ist ein schmeichelhafter Satz für das Genre und aufrichtig genug, aber er trägt einen Hauch von Außenseiter-Romantik. Das Country-Publikum, vermuten wir, achtet darauf. Das Album wird an seinen Songs gemessen, nicht an Respektsbekundungen in Interviews.
Unser Urteil
Kluger Kurswechsel, mit Vorbehalt. Die Gruppe hat die Kontakte, die stimmlichen Mittel und ein plausibles musikalisches Argument. Das Label versteht nach ihrer Darstellung, was sie vorhaben. Es fehlt der Teil, den im Promozyklus niemand für sich reklamieren kann: das Songwriting.
Wenn die Platte von 2027 Songs liefert, die nach Boyz II Men und nach Nashville klingen, könnte sie einer der überzeugenderen Karriereschritte der letzten Jahre sein. Ist sie eine Übung aus Duetten und Gastauftritten, ist sie bis zur nächsten Festivalsaison vergessen. Bis die Singles erscheinen, bleiben wir neugierig und halten den Applaus zurück.
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