Bonos „Abschied“ ist nicht das Ende von U2: Die Wette gilt der menschlichen Chemie
Fans deuten eine Pause im Interview mit Zane Lowe als Rücktrittsankündigung. Spannender ist, dass U2 ein neues Album auf unperfekte Menschen statt auf Maschinen setzt.
KI-generiertes Bild
Ein Wort, eine Pause, und manche Fans schreiben schon den Nachruf. Wenn eine 50 Jahre alte Band sagt, ein Album sei „eher Abschied“, hören wir dann eine Rücktrittsankündigung oder einen Songwriter, der tut, was Songwriter tun? Unserer Ansicht nach interpretieren die Fans zu viel hinein – und übersehen dabei das Interessantere, das U2 tatsächlich sagt.
Die Belege: In einem Interview mit Zane Lowe von Apple Music, aufgenommen am Tag eines geheimen Konzerts in der alten Schule der Band, der Mount Temple in Dublin, meinte Lowe, Carnaval de Luz fühle sich an wie „ein Abschied und ein erneutes Hallo“. Bono antwortete: „Carnaval de Luz ist definitiv mehr Abschied. Das ist sicher.“ Dann wechselte er, wie die Daily Mail berichtet, das Thema, ohne es auszuführen. Das Album, das 16. der Band und ihr erstes neues Material seit neun Jahren, soll am 13. November erscheinen.
Ein Abschied ist kein Rücktritt – und die Metapher stammt von Lowe
Zunächst zur Mechanik: Das Bild von „Abschied und Hallo“ kam vom Interviewer, Bono stimmte zu. Zustimmen ist nicht dasselbe wie ankündigen. Der Ort war eine Schule, die bald abgerissen und neu gebaut wird; die Metapher lag förmlich auf dem Tisch. Wenn ein Mann, der seit Jahrzehnten Gefühle in Songtexte verwandelt, sagt, ein Album handle von Enden, ist das keine Pressemitteilung.
Dazu kommt, was die Band in derselben Woche verkündete: eine Welttournee, The Greatest Show On Earth, mit bislang 11 Stadionterminen in Lateinamerika und 12 Sommerkonzerten in Europa, weitere sollen folgen. The Edge sagte, man sei „kreativ weiterhin extrem inspiriert und aktiv“ und habe „viele Songs, die noch nicht veröffentlicht, noch nicht fertig sind“. Wer einen Abschied vorbereitet, spricht nicht von sich stapelnden unfertigen Songs.
Wir wollen nicht so tun, als gäbe es keinen Subtext. Larry Mullen Jr. hatte eine Hochrisiko-Operation am Nacken, verpasste die Konzerte der Band in der Sphere in Las Vegas und hat angedeutet, dass er auf dieser Tour womöglich nur eine Stunde pro Abend spielt. Die Band sagt außerdem, sie werde die Tour in Irland beenden, möglicherweise 2028. Das klingt nach einer Tour mit geplantem Ende, und wir vermuten, dass es der letzte große Zyklus ist, wie es ein Fan formulierte. Doch „letzte riesige Stadiontour“ und „letztes Album“ sind sehr verschiedene Behauptungen, und bislang stützt nichts Berichtetes die zweite. Schon die erste ist Spekulation.
Der schärfere Satz galt Maschinen, nicht der Vergänglichkeit
Die Äußerung, die mehr Beachtung verdient, stammt von The Edge. Er habe ein KI-Musikprogramm ausprobiert, um zu sehen, ob es einen U2-Song hervorbringen könne. „Es konnte es nicht“, sagte er. Einen Country-Song bekomme es hin, fügte er hinzu, weil dieses Genre „sehr streng kodifiziert“ sei, während das Songwriting von U2 „nie eine Formel“ sei.
Das sollte man mit Vorsicht genießen: Es ist das Experiment eines einzelnen Musikers, und ein Gitarrist, der die Unersetzlichkeit seiner Band beteuert, ist kein neutraler Zeuge. Ein Skeptiker könnte auch einwenden, dass ein Werkzeug, das heute scheitert, nächstes Jahr nicht mehr scheitern muss. Und der Seitenhieb aufs Genre ist ein wenig billig. Dennoch ist die zugrunde liegende Wette klar und, wie wir meinen, klug: In einer Zeit, in der jeder ein ordentliches Pastiche erzeugen kann, ist knapp, was eine Band ausmacht, deren Mitglieder als Teenager einen Pakt schlossen und nach eigener Aussage seither daran festhalten.
Bono hat dies, das muss man ihm lassen, auf den Punkt gebracht, als er das Versprechen beschrieb, nie auf die Bühne zu gehen, „ohne dass es alles ist“. Er räumte sogar „Faustkämpfe auf der Bühne“ und „Wahnsinn“ ein. Das ist das Verkaufsargument: Reibung als Merkmal. Ein Modell kann ein Akkordvoicing imitieren; vier Menschen nachzuahmen, die seit fünf Jahrzehnten eine Band am Laufen halten, ist unserer Einschätzung nach viel schwerer.
Die Haltung zählt nur, wenn die Songs liefern
Hier würden wir die Begeisterung dämpfen. „Menschlich, unperfekt, unersetzlich“ ist ein schöner Marketingspruch – und eine Falle. Klingt Carnaval de Luz wie eine kompetente U2-Imitation, fällt das KI-Argument auf die Band zurück: Sie hätte gezeigt, dass ihr Sound genau das ist, was eine Maschine annähern kann. Wer behauptet, nicht kopierbar zu sein, verspricht, unkopierbar zu sein.
Das Album sollte man deshalb weder als Totenwache noch als Manifest behandeln. Das Deuten von Bonos Pause können wir uns sparen. Wir warten den 13. November ab, hören die Songs und beurteilen, ob sie nach vier Menschen in einem Raum klingen statt nach einer Legacy-Marke im Autopilot. Wenn ja, gilt der Abschied einer Ära, und die Band darf weitermachen. Wenn nicht, braucht niemand eine KI, die ihnen sagt, dass es Zeit ist aufzuhören.
Unser Urteil: Noch nicht trauern, aber auch keinen Freifahrtschein ausstellen. Die Tourtermine sagen, dass U2 nicht geht. Das Album muss beweisen, warum die Band bleiben sollte.
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