Das zweite Kapitel von Everything but the Girl: Zurückhaltung ist Programm
Fuse beendete 24 Jahre Schweigen; Blue Reservoir mit der akustischen Single „Young and Dumb“ fragt, ob Thorn und Watt wieder eine Band sind. Wir meinen: Ihre Stärke ist das Kleine.
KI-generiertes Bild
Ein Comeback gelingt jedem einmal. Eine Reunion lebt von Nostalgie, Neugier und einem Pressezyklus, der sich von selbst schreibt. Schwieriger ist die Frage, was danach kommt, und Everything but the Girl haben sie auf die denkbar unspektakulärste Weise beantwortet: mit einer Nylonsaiten-Gitarre, die allein spielt.
Das Duo kündigte Blue Reservoir am 28. Oktober an, zusammen mit der Single „Young and Dumb“. Pitchfork berichtet, das Album enthalte 10 neue Songs und erscheine am 19. Februar über Buzzin' Fly / Virgin Music Group. Es folgt auf Fuse, das Album von 2023, das eine Pause von 24 Jahren beendete. Bei der Zählung sind sich die Quellen uneinig (manche sprechen vom 11., andere vom 12. Album), deshalb lassen wir sie weg.
Wenn Hörer sagen „Das ist nicht Fuse“, ist das der klügste Zug
Tracey Thorn sagte gegenüber NME, die Single beginne mit einer allein spielenden spanischen Gitarre, sodass man sich sage: „Okay, das ist nicht ‚Fuse‘.“ Sie sollte, so Thorn, „eine Absichtserklärung“ sein. Wir halten das für die richtige Entscheidung. Ein Comeback-Album wird meist an der berühmtesten Phase der Band gemessen, und am bequemsten wäre es, die bewährte Formel zu wiederholen. Fuse stützte sich auf die schärfere elektronische Seite der Duo-Geschichte. Hätten sie das wiederholt, wäre das zweite Kapitel nur eine Fußnote des ersten geworden.
Stattdessen wandten sie sich der anderen Hälfte ihres Katalogs zu. Ben Watt beschrieb es gegenüber NME als Rückbesinnung auf das, was sie Anfang der 80er Jahre mitbegründet haben: „diese Mischung aus Folk, Jazz, Brasilianischem“. Das ist die Wette, dass sie mehr als einen Sound haben, zu dem sich die Rückkehr lohnt, und es ist die Wette einer Band, die arbeitet. Eine Nostalgie-Nummer bliebe in der Spur, die das Publikum am besten kennt.
Die Konzertreihe im Moth Club ist die eigentliche Entstehungsgeschichte
Gewicht bekommt diese Platte durch ihre Herkunft. Thorn zufolge buchte das Duo zwei Konzerte im Londoner Moth Club, nachdem es 25 Jahre nicht gemeinsam live gespielt hatte. Daraus wurde eine Konzertreihe von rund 30 Terminen. Das Album wuchs aus diesem Raum heraus, nicht aus der Vorstellung eines Labels von einem Nachfolger.
Thorns Beschreibung dieser Abende ist aufschlussreich: wenig Produktion, nichts Programmiertes, das die Show zum Einsturz bringen könnte, nur eine Gitarre und ein paar Songs. Zur Herkunft der Single sagte sie, bei den Moth-Konzerten sei es darum gegangen, zu akzeptieren, wer sie sind und was sie können: „Wir machen keine großen Welttourneen, aber das hier können wir. Daraus machen wir eine Tugend, ehrlich gesagt.“
Dieser Satz ist die ganze These. Viele erfahrene Acts tun so, als jagten sie noch immer der Arena hinterher. Thorn und Watt sagen, ihre Größenordnung sei eine Entscheidung und eine Quelle für Material. Watt erzählt außerdem, er habe einen Großteil des Albums auf einer spanischen Nylonsaiten-Gitarre geschrieben und gespielt, die er zuvor nie besessen hatte, und er habe „eine Stimme gefunden, die ich verloren glaubte“. Das ist ein schönes Detail, das wir eher als Versprechen denn als Beweis behandeln würden.
Zurückhaltung kann auch eine Falle sein
Eine faire Warnung: Eine leise Platte mit Gitarre und Stimme ist ein Risiko, das Fuse nicht trug. Intimität, die in einem Club für 300 Personen funktioniert, kann auf der Stereoanlage zu bloßer Höflichkeit werden. Thorn und Watt werden von langjährigen Mitstreitern an Kontrabass und Schlagzeug sowie einem Perkussionisten begleitet, es gibt also echte Klangfarben, auf die man hoffen darf. Aber eine Single verrät nicht, ob das ganze Album über zehn Titel trägt. Wir haben es nicht gehört, und das hier bleibt eine Prognose.
Gerade deshalb ist es der eigentliche Test. Fuse bewies, dass sie zurückkehren konnten. Blue Reservoir muss beweisen, dass sie einen Grund haben weiterzumachen, und dieser Grund kann kein größerer Sound sein. Es muss eine klarere Identität sein.
Unser Urteil: Das ist der richtige zweite Schritt. Erwarten Sie kein Reunion-Tour-Spektakel; warten Sie auf den 19. Februar und urteilen Sie, ob die Songs den kleinen Raum rechtfertigen. Wenn „Young and Dumb“ ein Maßstab ist, wirkt ein Duo, das niemanden mehr beeindrucken will, vielleicht am überzeugendsten.
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