Coldplays Minus von 59 Prozent nimmt Tour-Stars die Ausreden
Coldplay meldet, die direkten Emissionen seiner Tour seien um 59 Prozent niedriger als bei der letzten Stadiontour. Nun müssen andere Headliner belegen, dass eine große Show nicht grüner geht.
KI-generiertes Bild
Gibt es noch einen guten Grund, warum ein Stadion-Headliner keine CO₂-Zahl zu seiner Tour veröffentlicht? Nach den Zahlen, die Coldplay vorgelegt hat, meinen wir: nein. Gängig ist die Annahme, eine große Show und eine klimaarme Show zögen in entgegengesetzte Richtungen. Coldplay ist ein Gegenbeispiel, und es lässt sich kaum abtun.
Das belegt die Dokumentation. In der eigenen Emissions-Aktualisierung der Band heißt es, Coldplay habe 2021 zugesagt, die direkten Emissionen aus Showproduktion, Fracht sowie Reisen von Band und Crew auf der Music Of The Spheres Tour um mindestens 50 Prozent zu senken. Nun berichtet die Band, die direkten CO2e-Emissionen der ersten beiden Jahre lägen 59 Prozent unter denen der vorherigen Stadiontour (2016/17), verglichen Show für Show. Laut einem Nachhaltigkeitsbericht wurden diese Zahlen von der Environmental Solutions Initiative des MIT verifiziert. Diario La Cima nennt Maßnahmen wie Elektrofahrräder, kinetische Tanzflächen und recycelbare LED-Armbänder.
Die Zahl zählt mehr als die Gadgets
Kinetische Böden und Armbänder geben schöne Fotos ab. Sie sind aber nicht der Grund, warum diese Geschichte wichtig ist. Die Zahl vergleicht zwei Stadiontouren derselben Band, es handelt sich also nicht um ein Boutique-Projekt mit gutem Gewissen. Sie umfasst zudem die Bereiche, die sonst gern als Ausrede dienen: Fracht, Reisen und Produktion. Weitere von uns gesichtete Berichte führen das Ergebnis auch auf erneuerbare Energie, weniger Flüge und aus Abfall gewonnene Kraftstoffe zurück. Das sind logistische Entscheidungen, und aus unserer Sicht keine künstlerischen Opfer.
Diesen Punkt würden wir betonen. Fans haben nie einen Dieselgenerator im Produktionsdesign verlangt. Wenn eine Band ändern kann, wie ihre Show mit Energie versorgt und transportiert wird, wirkt "Die Fans erwarten eine große Produktion" als Argument deutlich schwächer als früher. Das berichtete Ergebnis legt nahe, dass der Zielkonflikt kleiner ist, als viele in der Branche behaupten.
Einschränkungen, die die Schlagzeile auslässt
Wir sollten ehrlich mit den Grenzen umgehen. Es handelt sich um eine selbst berichtete Zahl zu direkten Emissionen, auch wenn eine externe Institution sie verifiziert hat, und das uns vorliegende Material sagt nichts über die Anreise der Fans zur Spielstätte. Zudem vergleicht sie eine Band mit ihrer eigenen früheren Tour, nicht mit dem gesamten Markt. Eine Senkung um 59 Prozent gegenüber einer Ausgangsbasis ist nicht dasselbe wie eine saubere Tour. Die Schlagzeile von Gizmodo spricht davon, wie die Touren der Zukunft aussehen könnten; wir würden das als Prognose behandeln, nicht als Tatsache.
Doch diese Einschränkungen sprechen gegen die Stars, die schweigen, nicht für sie. Coldplay hat 2021 ein Ziel veröffentlicht, daran gemessen und ein Ergebnis gemeldet. Das macht die Aussage überprüfbar und das Schweigen der anderen auffällig. Eine unvollkommene Messung ist immer noch besser als gar keine.
Was der Rest der Branche tun sollte
Unserer Ansicht nach ist das zuerst ein Transparenztest und erst dann eine technische Aufgabe. Jeder Act, der Stadien füllt, hat vermutlich das Budget und die Crew, um bei Veranstaltern eine Ausgangsbasis und ein Reduktionsziel einzufordern. Wer das ablehnt, kann nicht mehr ohne Weiteres sagen, es sei nicht machbar. Er kann nur sagen, dass er es lieber nicht sagen möchte.
Für Fans ist der praktische Schritt einfach: nachfragen, ob eine Tour eine Zahl veröffentlicht hat und wer sie geprüft hat. Eine Band, die dieser Frage ausweicht, sagt damit etwas aus, und ein Headliner, der sie klar beantwortet, verdient dafür Anerkennung.
Coldplay wird das Tourgeschäft nicht allein verändern, und die eigenen Zahlen lassen viel Arbeit offen. Aber die Band hat die Debatte verschoben: weg von der Frage, ob sich eine Stadiontour dekarbonisieren lässt, hin zu der Frage, warum andere es noch nicht getan haben. Dieser Frage lässt sich deutlich schwerer ausweichen.
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