Bryan Adams’ „Lake Ontario“: Protestsong oder Werbung für das Album?
Adams’ zweite Anti-Trump-Single erscheint eine Woche vor seinem Album. Das ist kluges Marketing, und der See gibt ihr mehr Substanz als ein Slogan, aber nicht viel mehr.
Foto: Joe deSousa / Wikimedia Commons (CC0)
Kann ein Song über einen See ein Protestsong sein? Bryan Adams wettet darauf und veröffentlicht ihn eine Woche vor seinem neuen Album. Dieses Timing lässt sich kaum übersehen.
Die Fakten sind schnell erzählt. Wie The Hollywood Reporter berichtet, hat Adams „Lake Ontario“ veröffentlicht, eine Single, die auf den US-Präsidenten zielt, ohne ihn beim Namen zu nennen. Sie reagiert auf Trumps Executive Order, die den See für bundesstaatliche Zwecke in „Lake America“ umbenennt. Sie folgt auf „51st State“, das am kanadischen Nationalfeiertag erschien. Das Album How's It Goin' erscheint am 6. November bei BAD Records. IBTimes ergänzt, dass „Lake Ontario“ ein Bonustrack der digitalen Ausgabe ist und dass das Album als musikalischer Liebesbrief an Kanada beschrieben wird.
Die Protestsingle ist jetzt ein Trailer
Man betrachte die Dramaturgie. Eine politische Single im Sommer. Eine zweite, schärfere auf der Zielgeraden vor der Veröffentlichung. Ein Bonustrack, der Käufer der digitalen Ausgabe belohnt. Was auch immer Adams über Trump denkt, und wir haben keinen Grund, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln: Das ist auch eine Kampagne. Der Nachrichtenzyklus übernimmt die Werbung kostenlos, und jedes Medium, das „Bryan Adams nimmt Trump ins Visier“ schreibt, schreibt zugleich „neues Album am 6. November“.
Wir halten den Song dadurch nicht für zynisch. Protest und Promotion haben sich schon immer überschnitten. Neu ist das Tempo. Eine Umbenennung Ende August, ein Song Ende Oktober. Die tagesaktuelle Single wird zum Standardwerkzeug für Künstler, die etwas zu verkaufen haben und ein klares Publikum, und ein kanadisches Publikum im Zollstreit ist ungefähr so klar, wie es nur geht.
Der See ist ein besseres Ziel als der Mann
Hier verdient sich der Song etwas Anerkennung. Adams nennt Trumps Namen nie. Er singt über den irokesischen Namen des Sees und nennt ihn „den Namen der First Nations, keine Executive Order“. Laut IBTimes bewegt sich der Song von Geologie und indigenem Erbe über die europäische Erkundung und die Industrie bis zum aktuellen Streit. Für eine tagesaktuelle Single ist das ein ungewöhnlicher Aufbau. Er argumentiert mit der Zeit: Imperien vergehen, das Wasser bleibt. Am besten sagt es seine eigene Zeile: „Imperien und Regime, Diktatoren und Könige, sie alle kommen und gehen. Lake Ontario ist für immer.“
Das ist die stärkste Idee des Songs, und sie ist gut. Ein Slogan schreit eine Person an. Dieser Song zeigt auf etwas, das älter ist als die Person.
Wo es dünn wird
Dann greift der Text nach den Nachrichten. The Hollywood Reporter zitiert Zeilen darüber, dass Dinge „im Iran“ schiefgehen, über ein „Baby, das die Spielsachen aus dem Kinderwagen wirft“, und darüber, dass „die Epstein-Akten“ an Fahrt gewinnen. In diesem Moment geht es nicht mehr um Beständigkeit, sondern um die Schlagzeilen dieser Woche. Das ist ein Kompromiss. Die aktuellen Bezüge machen den Song teilbar, lassen ihn aber schnell altern und reduzieren die Zeitlosigkeit des Sees auf ein Gesprächsthema. Die Kinderwagen-Zeile wird als Clip kursieren. Die Zeile über den indigenen Namen verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommen wird.
Hinzu kommt die Frage, wer überhaupt zuhört. Ein Rocksong im mittleren Tempo, der die kanadische Identität preist und sich an einen Präsidenten richtet, der ihn nicht hören wird, erreicht vor allem Menschen, die ohnehin einverstanden sind. Wir würden das Solidarität nennen, nicht Überzeugungsarbeit. Das ist in Ordnung, aber man sollte nicht so tun, als ändere es etwas.
Unser Urteil
„Lake Ontario“ sollte man als das nehmen, was es ist: ein solider, gut gezielter Rocksong zum Zeitgeschehen, der zugleich als Albumwerbung funktioniert. Seine beste Idee ist der lange Blick, seine schwächsten Momente sind jene, die dem Nachrichtenzyklus hinterherlaufen. Sollte How's It Goin' tatsächlich der beschriebene Liebesbrief an Kanada sein, werden die Songs über das Land selbst wohl wichtiger sein als die über den Mann, der es verärgert hat. Wir würden das Album hören, bevor wir entscheiden, ob der Protest der Kern war oder die Verpackung.
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